Festungsanlage steht in Flammen (Großübung der Kreisfeuerwehrbereitschaften)

Die historischen Gemäuer der Festung Grauerort dienen als Kulisse für die Großübung der beiden Kreisfeuerwehrbereitschaften. In den verqualmten Gebäuden suchen Atemschutzgeräteträger nach Vermissten und bringen sie ins Freie. Fotos Vasel/Beneke




ABBENFLETH. Die Kreisfeuerwehrbereitschaften Nord und Süd haben am Sonnabend im Fort und im Hafen von Abbenfleth den Ernstfall geprobt. An Land und auf dem Wasser mussten Brände gelöscht und Vermisste gefunden werden. 300 Freiwillige waren im Einsatz.

Von Björn Vasel und Daniel Beneke

Am frühen Morgen sammeln sich die Ehrenamtlichen in Neukloster und Wiepenkathen. Im Konvoi fahren die Feuerwehrfahrzeuge mit Blaulicht zur Festung. Erst unterwegs erfahren die Einsatzkräfte, wo es hingeht.

Rauch zieht über die fast 150 Jahre alte Festung Grauerort, Hilferufe hallen durch das historische Gemäuer: Am Eingang des Forts liegen Autowracks, aus den Gebäuden dringt Rauch. Einige Besucher haben sich vor den Flammen auf die Festungswälle retten können und schreien um Hilfe. Sofort machen sich die Einsatzkräfte an die Arbeit, sie verlegen kilometerlange Schlauchleitungen zum Abbenflether Hafen. Von mit Tragkraftspritzen ausgestatteten Booten wird die Wasserförderung unterstützt. 1000 Liter pro Minute fließen durch die Schläuche.

Unter schwerem Atemschutz dringen die Feuerwehrleute in die Festung vor – und suchen die Räume nach Vermissten ab. Die Sicht geht gen Null. Eine Wärmebildkamera hilft ihnen, Menschen in den völlig verqualmten Gängen zu lokalisieren. Sie bringen die Opfer ins Freie. Um die auf den sechs Meter hohen Wällen festsitzenden Besucher zu retten, legen sie Leitern an. Der jüngste Teilnehmer der Übung, der vierjährige Kalle aus Bützfleth, klettert tapfer Sprosse für Sprosse hinab. Unten nehmen ihn die Einsatzkräfte in Empfang. Die Stader Rettungsdienstbereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes ist zur Sicherheit aller mit einem Rettungswagen vor Ort – und kümmert sich um die Geretteten.

Zerschnitten: Mehrere Verletzte müssen aus völlig demolierten Fahrzeugwracks befreit werden.

Zeitgleich beginnen Feuerwehrleute mit der Rettung der Unfallopfer, die in den Fahrzeugen vor dem Tor des von den Preußen 1869 bis 1879 zum Schutz des Seewegs Elbe und des Hafen Hamburg vor feindlichen Kriegsschiffen erbauten Hochwallforts eingeklemmt sind. Mit schwerem Gerät wie Rettungsschere und -spreizer trennen sie Dächer und Türen ab, um die Verletzten befreien zu können.

Gefunden: Bootsbesatzungen und Taucher suchen einen über Bord gegangenen Feuerwehrmann.

Derweil passiert im Abbenflether Hafen ein Unglück: „Mann über Bord“, hallt es durch den Hafen. Von einem Einsatzboot der Feuerwehr Gräpel fällt ein Feuerwehrmann ins Wasser. Er taucht nicht wieder auf. In der trüben Brühe verliert sich seine Spur. Taucher ziehen sich ihre Neoprenanzüge an und steigen ins bitterkalte Wasser der Bützflether Süderelbe. Die Sicht ist gleich Null. Nur mit den Händen tasten sie sich vor. Die Taucheinsatzführer sichern die Taucher mit Rettungsleinen, die zugleich auch die Kommunikationsverbindung an Land bilden. Einige Meter vom Ufer entfernt finden die Freiwilligen den Verunglückten, ein Fass, und ziehen ihn sicher an Land. Nach vier Stunden haben die Freiwilligen alle Aufgaben bewältigt. Nun gilt es, die Gerätschaften wieder auf den Fahrzeugen und Booten zu verladen. Atemschutzgeräte und Schläuche müssen in der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Wiepenkathen durchgetauscht werden. Bis in den Nachmittag sind die Einsatzkräfte deshalb unterwegs.

Bei einem Mittagessen für die 300 Teilnehmer in der Festung, serviert von der Johanniter-Unfallhilfe aus Stade, zeigen sich die Organisatoren zufrieden. Die stellvertretenden Kreisbrandmeister Henning Klensang und Thorsten Hellwege haben die Übung ausgearbeitet. Am Donnerstag und Freitag haben sie mit den Kameraden Jan Vollmers aus Stade und Sebastian Junge aus Bützfleth das Areal vorbereitet. Der langjährige Vorsitzende des Festungsvereins, Hans-Hermann Ott (CDU), hat den Festungshof von Laub befreit. Mitglieder der Bützflether Feuerwehr sowie ihre Verwandten und Nachbarn übernehmen die Rollen der Statisten. Auch die Werkfeuerwehren von Dow und AOS haben die Übung unterstützt, unter anderem durch das Demolieren der alten Fahrzeuge mit dem Radlader.

Die Wehren haben große Routine bewiesen

Übungen schaffen Routine – und heute haben die Wehren gezeigt, dass sie große Routine haben“, lobt Landrat Michael Roesberg (parteilos), der als Beobachter dabei ist, den Einsatz der Ehrenamtlichen. „Ich bin dankbar, dass die Freiwilligen ihre Freizeit opfern, um hier mitzumachen.“ Auch Bützfleths Ortsbürgermeister Sönke Hartlef (CDU) verschafft sich ein Bild von dem Einsatz und lobt die „Schlagkraft der Truppe“. Vertreter der Ordnungsämter von Landkreis und Hansestadt begleiten die Übung.

Bei Naturkatastrophen oder Großbränden kommt die Kreisfeuerwehrbereitschaft zum Einsatz, um die Ortsfeuerwehren zu unterstützen oder abzulösen – zuletzt bei der Moorbrandkatastrophe auf dem Bundeswehrübungsgelände im Emsland. Die beiden Kreisfeuerwehrbereitschaften Nord und Süd sind unterteilt in Fachzüge für bestimmte Aufgaben wie Technische Hilfeleistung, Wasserförderung und Wassertransport. Sie setzen sich aus Fahrzeugen und Personal aus einzelnen Ortswehren zusammen und arbeiten gemeindeübergreifend. Eine Großübung wie am Sonnabend fand zuletzt vor drei Jahren in Fredenbeck statt.

19.11.2018