Behörde besteht auf A-26-Nord-Variante

Von Grit Klempow

BÜTZFLETH. Es geht um die Trasse der A 26 zwischen Stade und Drochtersen. Die Bützflether Initiatoren wollen sie am liebsten südlich hinter der Rotschlammdeponie sehen. Diese Variante kommt aber für die Planer der Straßenbaubehörde nicht infrage. Ein Hintergrund.

Am Tisch sitzen Landvolk, betroffene Landwirte aus dem Bereich Schölisch und Bützfleth und Verbände, Stades Bürgermeisterin und Vertreter des Landkreises. Eingeladen hat zu diesem Treffen der Schleusenverband Bützfleth. Dessen Vorsitzender Peter Hartlef war mit seinem Vorschlag einer südlichen Trasse um die Rotschlamm-Deponie Anfang des Jahres an die Öffentlichkeit getreten. Denn jetzt, nachdem es acht Jahre still um das Thema war, ist wieder Tempo in Sachen Autobahnbau: Für das bei Drochtersen geplante Kehdinger Kreuz gab es kürzlich den Erörterungstermin, das Planfeststellungsverfahren für den A-20-Abschnitt zwischen Drochtersen und Elm soll Ende des Jahres beginnen – und die A 26 soll mit dem Abschnitt 5A ab Stade nun genauso zügig an das Kehdinger Kreuz und den Elbtunnel angeschlossen werden.

Geplant ist der Verlauf bisher zwischen den Moordörfern und Bützfleth. Aber: „Bützfleth ist wie ein Sandwich. Von der einen Seite Dreck, von der anderen Seite Lärm“, warnte Peter Hartlef mit Blick auf die geplante Trasse. Seine weiteren Kritikpunkte: Die Flächen der landwirtschaftlichen Betriebe in typischer Kehdinger „Handtuchlage“ würden durchschnitten. Der Boden sei nicht tragfähig. „Der ist wie ein Stück Butter“, feste Schichten gebe es zum Teil erst in 20 Metern Tiefe. Große Probleme sah er auch in puncto Entwässerung. „Wir sind am Anfang und am Ende der Entwässerung.“

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Den Vorschlag, die Autobahn-Trasse südlich der Rotschlammdeponie von Stade an die spätere A 20 heranzuführen, hat die Niedersächsische Straßenbaubehörde geprüft. „Wir haben das ernst genommen“, sagt Reinmar Wunderling von der Projektgruppe Küstenautobahn. Die Planer legten dafür eine Trasse fest. Deren Verlauf verschiebt sich im Gegensatz zu Hartlefs ursprünglichem Vorschlag. Weil der Anschluss technisch nicht anders zu bauen ist und die Trasse einen größeren Abstand zu zwei FFH-Teilgebieten einhält – zusammen sind das Wasserkruger Moor und Willes Heide, zwischen Groß Sterneberg und Ritschermoor gelegen, seit Februar 2017 das Naturschutzgebiet „Kehdinger Moore“. Für den Variantenvergleich betitelte die Behörde die Varianten mit Nord (bei Bützfleth) und Süd (bei Groß Sterneberg, südlich der Rotschlammdeponie).

Wunderling stellte den Vergleich durch die Behörde vor, machte aber auch klar, dass genaue Vergleichsdaten fehlen. Kartierungen und Voruntersuchungen gibt es im Bereich der Süd-Variante nicht.

Lärm: Beim Abstand zur Wohnbebauung gäbe es Vorteile bei der Nordtrasse. Die Süd-Variante parallel zu Groß Sterneberg sei schalltechnisch ungünstiger, sie rücke mit einem Abstand von unter 100 Metern an Stadermoor und von rund 300 Metern an Groß Sterneberg heran.

Anschluss an die A 20: Weil die FFH-Teilgebiete vernetzt werden müssen, „wäre eine Tier-Querungshilfe im Bereich eines neuen Autobahndreiecks“ einzuplanen. Ein Tunnel sei aufgrund der Bodenverhältnisse aber nicht möglich. Der Bereich Hammahermoor werde durch das erforderliche Autobahndreieck massiv beeinträchtigt. „Der Berg in der Landschaft würde bis nach Engelschoff ausstrahlen“, so Wunderling über die Schallemissionen. Das derzeit geplante Kehdinger Kreuz liege hingegen in relativ großem Abstand zu Siedlungen.

Entwässerung: Hier gäbe es Vorteile bei der Süd-Variante, hier müsste womöglich weniger gebaut werden, um die Entwässerung auch künftig sicherzustellen.

Landwirtschaft: Die Bewirtschaftungsstruktur im Kehdinger Bereich mit langgestreckten und schmalen Flurstücken als „durchschneidungsempfindlicher“ spreche für die Süd-Variante. Allerdings gäbe es „existenzbedrohende Auswirkungen“ im Bereich Hammahermoor.

Baugrund: Der tonig-schluffige Baugrund zwischen Bützfleth und den Moordörfern gilt als wenig tragfähig. Der Autobahnbau wird deshalb mittels Überschüttverfahren geplant. Im Verlauf der Süd-Trasse seien Hochmoortorfe vorhanden, so dass auch bei dieser Variante im Überschüttverfahren gebaut werden müsste, so die Einschätzung.

Umwelt: Weil der Behörde genaue Daten fehlen, ist beim Umwelt-Aspekt ein Vergleich nicht möglich. Auf Luftbildern seien aber im Verlauf der Süd-Trasse Gehölze und Wald sowie kleinteiligere, extensive Nutzungen erkennbar. Deshalb gehen die Planer davon aus, dass es Lebensräume für Tierarten gibt, die artenschutzrechtlich schwer wiegen. Mit Blick auf die Nord-Trasse sprach Wunderling von einer „sehr ausgeräumten Landschaft“.

Weil nur in den Punkten Entwässerung und Landwirtschaft die Süd-Variante Vorteile aufweist, bleibt die Straßenbaubehörde bei der Nord-Variante. „Ich will Ihnen keine falschen Hoffnungen machen, wir machen was mit der Nord“, machte Küstenautobahn-Projektleiter Sebastian Mannl klar.

Das wollen die Bützflether um Peter Hartlef nicht auf sich sitzen lassen. Ihnen fehlen die vergleichbaren Daten. Obstbauer Christian Völkers hat Flächen in Hohenschölisch und sprach von einem Planungsrückstand, der aufgeholt werden müsse: „Wenn eine Kartierung der Süd-Variante 500 000 Euro kostet, dann ist das im Vergleich zu den Baukosten pro Autobahn-Kilometer doch nichts“, sagte er.

Süd-Variante niemals ernsthaft geprüft

Eine Süd-Variante sei niemals ernsthaft geprüft worden, sehen sie Versäumnisse gleich zu Beginn der Planungen. Sie alle, ob Unterhaltungs- oder Schleusenverband, Obstbauer oder Bio-Landwirt, haben ihre Einwände schon 2010 abgeschickt – und seither nichts mehr von der Behörde gehört. „Sie alle bekommen demnächst eine Antwort“, so Inken Wellach, die seit der Fortführung der Planungen für den A-26-Abschnitt zuständig ist. Kritikpunkte der „Nordanrainer“ sind die „sehr oberflächlichen“ Kartierungen, die den Wert von Obstbaugehölzen als Lebensraum für Tiere und Insekten oder das Grünland als Rastfläche für rund 3000 Nonnengänse nicht einbezögen.

»Der Unterhaltungsverband Kehdingen spricht sich aus wasserwirtschaftlicher und unterhaltungstechnischer Sicht für eine südliche Lösung aus, weil das Zerschneiden von wasserwirtschaftlichen Strukturen eben nicht im Sinne einer funktionalen Entwässerungsphilosophie ist.«



Mit Blick auf die aktuellen Bau-Entwicklungen bei der A 26 bleibt das Misstrauen in Sachen Baugrund. „Es lässt sich nicht alles errechnen“, sagte Peter Hartlef. Weil die Leitung vom AOS-Werk zur Rotschlammdeponie durch die Autobahn im Norden gequert werden soll, betrachtet auch Volker Richter, AOS-Geschäftsführer, den Bau mit Sorge. Das Unternehmen habe deutlich gemacht, dass von oben kein Druck auf der Leitung lasten dürfe.

Lockerlassen wollen die Nord-Anrainer nicht, sie beraten sich mit ihren Anwälten. Den Wert von „Willes Heide“ als Naturschutzgebiet stellen sie infrage und wollen an diesem Punkt beim Landkreis nachhaken. Das Angebot für weitaus größere Ersatzflächen liege vor, um möglicherweise einen Ersatz für „Willes Heide“ anbieten zu können.

02.10.2018