Bei der Dow brechen neue Zeiten an

Staffelübergabe: Bridget Sparrow übernimmt die Leitung des Stader Dow-Werkes von Dieter Schnepel. Foto hagerpress


Von Lars Strüning

STADE. Die Übergabe erfolgte am Donnerstag während einer Feierstunde im Stemmenhof des Stader Dow-Werkes. Mit dem Stabwechsel von Dieter Schnepel auf Bridget Sparrow übernimmt nicht nur die erste Frau den Chefposten an der Elbe, das Unternehmen wird sich zudem neu ausrichten.

Das liegt auch an der neuen Gemengelage nach dem Zusammenschluss von Dow mit DuPont, was direkt wie indirekt Auswirkungen auf den Standort Bützflethersand hat.

Nach der Fusion der beiden US-Chemiekonzerne werden die Geschäftsfelder aufgeteilt. Die „neue Dow“ wird wie bisher einen Großteil der Anlagen im Industriepark in Bützfleth betreiben. Ein Produktionsstrang, dort wo Methylcellulose hergestellt wird, wird an DuPont abgegeben. Mehr noch soll aber ein neuer Geist durch die neue Organisation wehen. Das betonten sowohl der am Donnerstag ausgeschiedene Dieter Schnepel als auch seine Nachfolgerin Bridget Sparrow.

Innovation und Nachhaltigkeit sind die Stichworte, die den Chemie-Hersteller breiter aufstellen sollen. Bridget Sparrow sieht den Standort Stade dafür hervorragend gerüstet. Sie, die Irin, die in Großbritannien, den USA und in China für die Dow auch mit weltweiten Aufgaben gewirkt hat, sagt, dass Stade einen ausgezeichneten Ruf genieße im globalen Verbund. Zuverlässigkeit in der Produktion und das Know-How der Mitarbeiter mit ihrer hohen technischen Kompetenz seien sehr wichtig für die Dow.

Den Ruf, der Stade im Konzern vorauseilt, sieht sie am Standort bestätigt. Es sei eine interessante Zeit, weil sich viel tue bei der Dow. Ihr Ziel: Die guten Stader Voraussetzungen nutzen, um das Unternehmen fit zu machen für die Zukunft, auch als Platz für lohnenswerte Investitionen. Durch die neue Dow böten sich neue Chancen.

Was das konkret heißt, das fasste Dieter Schnepel in seinem Rückblick auf fünf Jahre Werkleitung zusammen, in der viele der Zukunftsprojekte entwickelt worden sind. Was Schnepel und Kollegen an- und umtrieb ist die zuverlässige Versorgung mit Energie, vor allem mit Strom. Angesichts der Energiewende mit dem absehbaren Aus für Atomkraftwerke befürchten die Dow-Verantwortlichen Lücken. Sie reagierten.

Strom

400 Millionen Euro wurden investiert in die Energieversorgung, ein eigenes Kraftwerk gebaut, das ein Drittel des Bedarfs abdeckt und auch den Dampf in die Produktion weiterleitet und damit auf einen Wirkungsgrad von 85 Prozent kommt. Das Thema treibt die Dow um. Stromnetzbetreiber Tennet wird auf dem Dow-Gelände sein 380-Volt-Umspannwerk bauen. Überschüssige Offshore-Windenergie könnte in Wasserstoff umgewandelt und in den leeren Kavernen gelagert werden, ehe es wieder bei Bedarf zu Strom wird. Die Kavernen könnten auch wie eine große Batterie wirken mit einem Plus- und einem Minuspol. Als Brückentechnologie bezeichnet Schnepel die weiterhin bestehenden Pläne zum Bau eines integrierten Kohlekraftwerks, wo auch Wasserstoff mit verwertet werden und das CO2 in der Abluft in der Produktion wieder verwendet werden könnte. Die Versorgung mit ausreichend und bezahlbarem Strom sei für das Dow-Werk existenziell.

Gas

Dow treibt die Idee voran, mit anderen Unternehmen ein LNG-Terminal für verflüssigtes Erdgas in Verlängerung des Stader Seehafens zu bauen. Bis zu 15 Prozent des bundesweiten Verbrauchs könnten hier angelandet werden. Und von hier aus könnten Schiffe mit dem vergleichsweise umweltfreundlichen Treibstoff versorgt werden. Dow selbst ist ein großer Gaskonsument.

Wasserstoff

Eigentlich seit gut 40 Jahren ein Nebenprodukt der Dow-Produktion, aber als Treibstoff der Zukunft, ähnlich wie LNG, sehr gefragt. So sollen auch die Wasserstoffzüge auf der EVB-Strecke Buxtehude-Bremervörde mit Dow-Wasserstoff betrieben werden. Mit Airbus, Lufthansa und der TU Harburg wird an einem Bio-Kerosin gearbeitet, als grüne Energie für die Luftfahrt.

Bei allen Zukunftsplänen kommt der Alltag offenbar nicht zu kurz. Die Dow Stade hat seine Produktion 2017 noch einmal um 16 Prozent gesteigert gegenüber dem alten Rekordjahr 2016. Mehr als vier Millionen Tonnen verließen das Werk. Dabei sei der Standort im Dow-Ranking auch trotz des Feuers im April in Sachen Sicherheit spitze. Das Gleiche gelte bei der Nachhaltigkeit.

Der Wasserverbrauch für das Aussohlen der Salzstöcke in Harsefeld-Ohrensen zum Beispiel wurde auf ein Minimum reduziert. Per Rohrleitung wird die gesättigte Sohle nach Bützfleth transportiert und dort als Basis für die Chemieprodukte verarbeitet. Das Wasser wird gereinigt und geht zurück nach Ohrensen. Ein fast geschlossener Kreislauf. Dabei wird so viel Salz transportiert, das sonst alle zwei Minuten ein großer LKW aus Ohrensen das Werk anfahren müsste – 24 Stunden 365 Tage lang.

Das alles ginge nicht ohne ein „Klasse-Team“, wie es Schnepel nennt. 1200 eigene Kräfte und etwa 800 von Partnerfirmen arbeiten am Standort. Schnepel verlässt sein Werk mit Wehmut und einem weinenden Auge – um sich übergreifenden Aufgaben an 25 Standorten weltweit zu widmen – unter anderem auch Stade.

17.08.2018