Unplugged Sessions: Neues Festival in der Festung Grauerort

Hoffen wir, dass dieses Festival wächst und gedeiht – und an diesem wunderbaren Ort bleiben kann“, sagte Pohlmann. Fotos: Meybohm

Von Catharina Meybohm

STADE. Der Festival-Sommer meint es gut mit Stade. Am Wochenende stiegen die ersten „Unplugged Sessions“ in der Festung Grauerort. Ein Festival mit starken Künstlern, ausgelassenen Besuchern, traumhafter Kulisse – und ohne Generalprobe.

Kaiser Franz Josef drehten auch im Sitzen voll auf. Der Sound der österreichischen Hard-Rock-Band, die schon als Vorband für AC/DC gespielt hat: elektrisierend. Da konnte das Publikum vor der Festung Grauerort nur mit dem Kopf schütteln – oder besser bangen. Es sei auch für sie der erste Unplugged-Gig, scherzte Sänger und Gitarrist Hesham "Sham" Abd El Salam. Und Bassist Pete Welfare ließ seine Ibanez antworten.

Zwar haben nicht alle Musiker das Wort „Unplugged“ – also ohne den Einsatz elektronischer Instrumente - ganz genau genommen. Dafür hielten die „Unplugged Sessions“ am Sonnabend das, was im Untertitel versprochen wurde: Echt. Einzigartig. Live. Bei den etwa 1000 Festival-Besuchern an der Festung Grauerort jedenfalls sprang der Funke über. „Euer Applaus hört sich an als wärt ihr 10.000 Leute“, stellte Singer-Songwriter Mister Me fest.

Ein Tag wie aus dem Festival-Sommer-Bilderbuch

Die Festung in Bützfleth war an diesem Sonnabend alles andere als ein grauer Ort. Seifenblasen flogen über das Gelände, das Fort war orange beleuchtet. Wer nicht tanzte, lauschte der Musik auf einer der vielen Bierbänke, von der eigenen Picknickdecke aus oder an das aufgeheizte Gemäuer gelehnt. Im Publikum waren Menschen aller Altersgruppen. Freunde, Familien, Arbeitskollegen. Das Line-Up reichte von lokalen Bands wie Helgen oder Odeville bis zu Größen wie Pohlmann oder den Echo-Preisträgern Jupiter Jones. Ein Tag wie aus dem Festival-Sommer-Bilderbuch.

Veranstalter Sören Stinski wirkte wie die Ruhe in Person. Auch dass die Band Rakede kurzfristig krankheitsbedingt absagen musste und damit den Spielplan aus dem Takt brachten, konnte den Hemmorer nicht erschüttern. „Ich bin aber schon froh, dass nicht einer der Headliner abgesagt hat.“

Dabei waren die ersten „Unplugged Sessions“ für gleich doppelt eine Premiere. Denn es war auch das erste Musik-Festival, das der 32-Jährige Kfz-Meister mit seiner Eventfirma auf die Beine gestellt hat. „Für Aufregung blieb aber gar nicht die Zeit“, sagte er. Allein in den beiden Nächten vor dem Festival haben er und seine Helfer – alles gute Freunde – jeweils bis 2.30 Uhr aufgebaut.

Künstler fühlen sich wohl

Es gab keine Generalprobe. Wir werden hier bei der Premiere auf die Probe gestellt.“ 15 Monate steckten in der Organisation des Festivals. Stinski kümmerte sich um Genehmigungen, verhandelte mit Künstleragenturen, gewann Sponsoren, organisierte die Technik, Verpflegung, Toiletten, Sicherheit und und und. Selbst an kleine Gesten wie Lollis und Seifenblasenstäbe, die bei Sonnenuntergang im Publikum verteilt wurden, hatte der Veranstalter gedacht. Dass hinter den „Unplugged Sessions“ mit Sören Stinski jemand steht, der zum ersten Mal ein Festival organisiert hat und dessen Hauptberuf Kfz-Technikermeister ist, war aus Besucher-Sicht zu keinem Zeitpunkt zu spüren.

Und auch die Bands hielt Stinski bei Laune. Im Backstage-Bereich ließ Stinski einen Whirlpool, eine Tischtennisplatte und einen Kicker aufstellen. Und auch die Sonderwünsche der Künstler hatte er erfüllt – etwa den nach vier Rubellosen und einem gut funktionierenden Sport-Jojo. „Hoffen wir, dass dieses Festival wächst und gedeiht – und an diesem wunderbaren Ort bleiben kann“, sagte Pohlmann. Er war vermutlich nicht der einzige, der diesen Wunsch hegte.

Einer der schönsten Momente dieses gelungenen Festivals war nicht geplant, sondern spontan. Nachdem der Auftritt von Odeville eigentlich schon vorbei war, entschied sich die Band die „Unplugged Sessions“ wörtlich zu nehmen. Während im Hintergrund die Bühne umgebaut wurde, mischte sich die Band unter das Publikum und spielte eine Zugabe. Ohne Mikrofon, ohne Verstärker – direkt ins Ohr und unter die Haut.

06.08.2018