Mega-Investition in Stader Seehafen

Der Stader Seehafen soll einen neuen Anleger erhalten Richtung Stadersand, um ein LNG-Importterminal zu betreiben.

Von Lars Strüning

STADE. Die Nachricht, dass ein internationales Konsortium eine Anlage für den Import von Flüssiggas (LNG) in Stade-Bützfleth bauen und dafür 500 Millionen Euro unter anderem in einen neuen Hafenteil investieren will, hat zumindest landesweit Wellen geschlagen.

Die LNG-Stade-Gesellschaft treibt das Projekt weiter voran. Das wurde während eines Besuchs der CDU-Landtagsfraktion am Dienstag im Stader Hafen deutlich. Das TAGEBLATT beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Was ist eigentlich LNG? Die Abkürzung steht für liquid natural gas, also für natürliches, flüssiges Gas. Es handelt sich um Erdgas, das stark komprimiert und tief gekühlt wird. In Stade soll LNG mit Temperaturen von gut minus 160 Grad Celsius angeliefert werden. Dadurch weist es nur noch ein Sechshundertstel des Volumens von Erdgas auf, was besonders beim Transport und bei der Lagerung Vorteile aufweist. Das Produkt kommt aus vielen Ländern nach Stade, auf großen Spezialschiffen, die 100 000 Kubikmeter LNG transportieren können.

Wer verbraucht das LNG? Das komprimierte Flüssiggas gilt als der Brennstoff der Zukunft in der Schifffahrt als Alternative zum Diesel. Es kann aber auch ins ganz normale, bundesweite Netz eingespeist werden zum Beispiel für die Gasthermen in Wohnungen oder für die Zapfstellen im Straßenverkehr. Auch die nahe liegende Industrie mit Dow und AOS sind als Abnehmer denkbar.

Wer steckt hinter der LNG-Stade-Gesellschaft? Es handelt sich um eine Projektentwicklungsgesellschaft. Geschäftsführer und Projektentwickler ist Manfred Schubert aus Hannover von der „umwelttechnik & ingenieure GmbH“. Mit im Boot sind die China Harbour (CHEC), die weltweit große maritime Infrastrukturprojekte realisiert, die Macquarie Group aus Australien als global tätiger Finanzdienstleister und die Dow Deutschland Anlagengesellschaft mit Sitz in Stade, auf deren Gelände das Projekt umgesetzt wird.

Was ist in Stade geplant? Das Investment, das mit 500 Millionen Euro kalkuliert wird, teilt sich in zwei Abschnitte: die neue Hafenanlage mit Kosten von etwa 120 bis 150 Millionen Euro und die LNG-Technik mit Gaslager an Land auf dem Dow-Gelände mit einer Fläche von 250 000 Quadratmetern. Der Anleger soll zwischen dem jetzigen Seehafen und Stadersand entstehen. In einem ersten Schritt würden jährlich vier Milliarden Kubikmeter LNG in Stade umgeschlagen. Das entspräche 40 bis 50 Schiffsladungen und fünf Prozent des Jahresverbrauchs in Deutschland.

Angedacht ist bereits ein zweiter Schritt mit einer Kapazität von acht Milliarden Kubikmeter LNG. In der Endstufe könnten hier jährlich zwölf Milliarden Kubikmeter umgeschlagen werden, das sind etwa 15 Prozent des jetzigen Verbrauchs bundesweit.

Von Stade aus würden kleinere Gastanker mit einer Länge von 150 Metern vorwiegend in den Hamburger Hafen oder auch nach Duisburg ablegen, um die Schiffe mit modernem LNG-Antrieb zu versorgen. Deren Brennstoff kommt bisher aus Rotterdam, weil Deutschland keinen LNG-Terminal vorweisen kann.

Warum gerade Stade? Laut Manfred Schubert und Markus Schlichting vom Seehafen Stade bietet der Standort viele gute Vorteile, gerade auch im Vergleich mit Brunsbüttel und Wilhelmshaven, die sich auch um ein LNG-Importterminal bemühen. Schubert habe die Standorte verglichen und sich bewusst für Stade entschieden.

Der größte Trumpf ist der vorhandene Anschluss an das überregionale Gasnetz über eine Hochdruckleitung. Dow und AOS stünden als Abnehmer bereit. Der Hamburger Hafen liegt nah – deutlich näher als von Brunsbüttel oder Wilhelmshaven aus. Ab Stade bräuchten die Bunkerschiffe 90 Minuten, ab Brunsbüttel sechs Stunden, ab Wilhelmshaven neun Stunden, was die Transportkosten deutlich erhöhe – und LNG unattraktiv mache.

Welche Rolle spielt die Dow? Die Dow als direkter Nachbar bietet auch direkte Vorteile: Die Abwärme aus dem 30 Grad warmen Kühlwasser, das in die Elbe geleitet wird, könne zur Regasifizierung des LNG genutzt werden. Dazu müssten sonst zwei Prozent des Erdgases eingesetzt werden. Dow und LNG Stade sprechen von einem „Zero-Emission-Terminal“, es entstünden keine zusätzlichen Emissionen. Zudem besitze die Dow jahrzehntelanges Know-how im Umgang mit gasförmigen und verflüssigten Stoffen. Sie überlegt auch, die Kälte des verflüssigten Gases für ihre Produktionsabläufe zu nutzen.

LNG Stade und Dow sichern eine duale Nutzung des neuen Anlegers zu. Die Projektentwicklungsgesellschaft bietet eine vollständige Finanzierung der hohen Investition an. Die niedersächsische Hafengesellschaft N-Ports solle sich um Planung und Genehmigung kümmern, so die Wunschvorstellung. Allein wäre N-Ports kaum in der Lage, das Projekt zu stemmen, mit einem Jahresetat von 40 Millionen Euro.

Wie ist der zeitliche Ablauf? Geschäftsführer Schubert geht davon aus, dass der Betrieb 2023 aufgenommen werden kann – eine sportliche Zielsetzung. 2019 solle das Genehmigungsverfahren aufgenommen werden, das zwei Jahren dauern wird. Den Bau der Anlagen taxiert Schubert auf zweieinhalb Jahre.

Was sagt die Politik? Mit dem ersten LNG-Terminal in Deutschland soll Unabhängigkeit von den großen Lieferanten Russland und Norwegen geschaffen werden. Der Wettlauf der Standorte hat begonnen. Die CDU-Politiker unter Leitung von Kai Seefried aus Drochtersen unterstützen das Stader Projekt.

Helmut Dammann-Tamke aus Ohrensen: „Den Patriotismus können Sie als gegeben voraussetzen.“ Stades Bürgermeisterkandidat Sönke Hartlef spricht angesichts der Investitionshöhe von einem Bekenntnis für den Standort.

04.07.2018