Das Protokoll des Großalarms

Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und Dow besprechen die Lage. Foto: Beneke




LANDKREIS. Als die Besatzung eines Bunkerschiffes am Donnerstagabend auf der Elbe bemerkt, wie sich über dem Tanker „Bow Guardian“ eine Gaswolke bildet, alarmiert die Crew die Wasserschutzpolizei - und Bützfleths Ortsbrandmeister Heiko Cordes löst Großalarm aus. Das Protokoll der Nacht.

Von Daniel Beneke und Björn Vasel

21.49 Uhr: Einsatzkräfte der Ortsfeuerwehren aus Bützfleth, Bützflethermoor, Stade und Assel rücken aus. Die Schiffsbrandbekämpfungseinheit der Stader Feuerwehr, der Fachzug Messen und Spüren sowie die Dekontaminationsgruppe Nord, der Umweltzug und der Fernmeldezug der Kreisfeuerwehr machen sich ebenfalls auf den Weg. Die Boote der Feuerwehr Stade werden besetzt und begeben sich in Richtung des Havaristen.

Sie müssen Abstand halten, weil ihre Boote nicht über gasdichte Aufbauten verfügen. Propylen ist hochexplosiv. Die Einsatzkräfte googlen: Die „Bow Guardian“ fährt unter der Flagge Maltas, wird aber betrieben von der Reederei J. Lauritzen aus Dänemark. Sie hat zwei Tanks, in denen das Gas auf eine Temperatur von minus 104 Grad Celsius abgekühlt und transportiert wird. Es wurde 2008 in Südkorea gebaut – und kann 9000 Kubikmeter Ethylengas transportieren.

22 Uhr: Die Feuerwehrleute richten an der Sperrwerksbrücke die Einsatzleitzentrale im Hafen Abbenfleth ein. Sie sperren den Hafenbereich weiträumig ab, eine 1000-Meter-Zone wird eingerichtet. Am Nachmittag hatte die Bow Guardian einen Teil ihrer maximal 900 Tonnen Gasladung bei der Dow entladen, sie war daraufhin mit einer Restladung von knapp 350 Tonnen auf Reede gegangen.

22.05 Uhr: Die Besatzung des Feuerlöschschleppers Bützfleth macht sich einsatzbereit. 150 Einsatzkräfte sind auf den Beinen. Rettungswagen der DRK-Bereitschaft gehen bei der Dow in Stellung, sie lösen die regulären Kräfte ab, um die Notfallversorgung im Landkreis zu sichern.

Der Feuerwehr sind die Hände gebunden

22.30 Uhr: Den Feuerwehrleuten sind die Hände gebunden. Lediglich der Bützflether Feuerlöschschlepper lässt sich gasdicht machen. Ansonsten verfügen die Einsatzkräfte über keine Möglichkeit, sich dem Havaristen zu nähern. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als ihre Messungen an Land vorzunehmen, um eine mögliche Gaskonzentration in der Luft nachzuweisen. Unter schwerem Atemschutz sind die Messtrupps unterwegs.

23 Uhr: Ein Großteil der Feuerwehrleute muss sich aus Sicherheitsgründen zunächst hinter dem Deich postieren, da nicht klar ist, aus welchem Grund und in welchem Umfang das tiefgekühlt in den Tanks des Schiffes gelagerte Gasgemisch austritt. Lediglich Führungskräfte bleiben an der Uferkante stehen. Ihnen helfen Spezialisten der Analytic Task Force vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe aus Hamburg. Sie können mit einem Massenspektrometer die Gaswolke sichtbar machen. Der Schiffsverkehr auf der Elbe läuft weiter, weil der Wind aus Südost mit Windstärke 3 in Richtung Land bläst.

Regina Strauß mit Nicole und Lea Paaschke warten in der Notunterkunft. Foto: Beneke

23.30 Uhr: Der Kapitän dreht sein Schiff, damit das Gasgemisch mit dem Wind möglichst weit vom Festland wegtreibt. Es ist schwerer als Luft und liegt daher auf dem Wasser.

23.57 Uhr: Über Rundfunk bitten Feuerwehr und Polizei die Anwohner in Barnkrug, Assel, Abbenfleth und Kreuel, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Sicherheitshalber evakuieren sie die Wohnhäuser in Deichnähe.

0.30 Uhr: 150 Anwohner finden Unterschlupf im Feuerwehrhaus, wo sie von den Johannitern und der Rotkreuz-Bereitschaft versorgt werden. Es gibt Bratwurst und Kaffee. Die Jüngeren sitzen an Bierzeltgarnituren, für die älteren Betroffenen stellen die Ehrenamtlichen Feldbetten auf. Die Stimmung ist entspannt.

1.15 Uhr:Ich wollte gerade ins Bett gehen“, schildert Stades Ex-Bürgermeister Hans-Hermann Ott den Moment, als die Feuerwehrleute vor der Tür stehen. Der Abbenflether weckt noch die Monteure, die er in seinem Haus untergebracht hat. Dann macht er sich mit Ehefrau Hannelore auf den Weg zum Feuerwehrhaus.

1.35 Uhr: Anwohnerin Regina Strauß erzählt: Sie ist gerade von der Spätschicht nach Hause gekommen, da stehen die Einsatzkräfte vor der Tür. Schon auf dem Heimweg hat sie die Feuerwehrfahrzeuge zum Hafen fahren sehen. Sie lebt mit der täglichen Gefahr durch die Chemieindustrie und den Schiffsverkehr, „aber so etwas hatten wir hier noch nicht“, sagt Strauß. Mit in der Nachbarschaft wohnender Verwandtschaft geht es für sie in die Notunterkunft. Hier sitzt sie in der Fahrzeughalle und wartet auf die Entwarnung. „Die Feuerwehr hat uns gut informiert, das lief wunderbar“, sagt Strauß.

Feuerwehrmann Moritz Meyer verteilt Würstchen im Feuerwehrgerätehaus. Foto: Beneke

1.45 Uhr: Auch im Schulungsraum im Obergeschoss harrt eine Gruppe Abbenflether aus. Die Etage ist beheizt, Feuerwehrmann Moritz Meyer gibt Würstchen mit Ketchup und Senf aus. Die Johanniter haben Spiele mitgemacht, damit sich die Kinder die Zeit vertreiben können.

2.10 Uhr: Es stellt sich heraus, dass eine defekte Pumpe an Bord des Schiffes für den Gasaustritt verantwortlich ist. Nachdem Gas entwichen und der Druck in den Tanks nicht mehr so stark ist, kann die Besatzung nach mehr als drei Stunden beginnen, die Pumpe mit Bordmitteln zu reparieren. Auf der Bundeswasserstraße hat der Kapitän die Hoheit über sein Schiff. Er sieht sich in der Lage, das Problem ohne fremde Hilfe zu lösen. Die Besatzung des 120 Meter langen LPG-Tankers bleibt unverletzt.

2.30 Uhr: Die Gefahr ist gebannt. Die Messergebnisse liegen vor. Danach habe keine Gefahr bestanden. Daher dürfen die Abbenflether wieder in ihre Häuser zurückkehren.

9 Uhr: Die Wasserschutzpolizei Hamburg hat das Schiff beschlagnahmt. Die Ermittler gehen an Bord für weitere Ermittlungen. Die „Bow Guardian“ muss für einen Sicherheitscheck auf Reede liegen bleiben.

21.10.2017