Fast nur gute Nachrichten

Unter Dampf : die Produktionsanlagen der Dow, hinten rechts der Seehafen Bützfleth.



BÜTZFLETH. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Das gilt auch für das Industriegebiet auf Bützflethersand. Das Dow-Gelände entwickelt sich zum Industriepark mit diversen Firmen. Neben der AOS haben sich neue Produzenten angesiedelt. Und es droht eine Müllverbrennungsanlage. Ein Überblick.

1250 Mitarbeiter arbeiten in drei Schichten bei dem US-amerikanischen Konzern, Standort Stade. Im Frühjahr dieses Jahres kamen zwischenzeitlich noch einmal 1000 hinzu. Der alle sechs Jahre anstehende „Turnraround“ wurde abgearbeitet, die große Inspektion etwa der Hälfte der Produktionsanlagen. 53 Tage stand das Werk still, 100 Projekte mit 20 000 Einzelaktionen wurden umgesetzt. 369 Mal wurde das Tüv-Siegel neu vergeben. 38 000 Arbeitsstunden fielen an. Mehr als 50 Millionen Euro wurde investiert. Das Fazit von Werkleiter Dieter Schnepel fällt positiv aus, weil es keine großen Überraschungen gab. Nur einmal stank es den Bützflethern.

Die Kläranlage, eine der größten in Norddeutschland und ausgelegt für eine Million Einwohner, stand ebenfalls still. Als sie wieder angefahren wurde, stank es zwei Tage lang sehr unangenehm. Angefaulter Schlamm wurde bei Wiederinbetriebnahme aufgewirbelt und mit ihm der Gestank. Beim nächsten Mal soll ein Aktivkohlefilter eingesetzt werden, der für reine Luft sorgen soll.

Normalerweise verarbeitet die Dow jährlich 3,6 Millionen Tonnen Salz, das aus dem Sohlewerk in Harsefeld-Ohrensen aus 2000 Metern Tiefe gewonnen wird und per Pipeline nach Bützfleth transportiert wird, zu 2,7 Millionen Tonnen chemischer Basisprodukte. In Zukunft will die Dow auch spezialisierte kleinere Mengen zu höheren Preisen verkaufen, sich also breiter aufstellen.

Großes Thema im Zuge der Energiewende ist „Power to Gas“, also die Umwandlung von Windstrom vom Meer in Wasserstoff, das in leeren Kavernen in Ohrensen gelagert und bei Bedarf wieder verstromt werden könnte.

Olin. Seit gut einem Jahr produziert Olin vor allem Epoxidharze aus dem Dow-Gelände. Dafür hat sie drei Dow-Anlagen gekauft. Für Olin der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Olin mit Sitz in Clayton/USA will von hier aus den deutschen und europäischen Markt erobern. Im ersten Jahr wurden deutschlandweit 90 neue Mitarbeiter eingestellt, 60 davon in Stade, sodass hier jetzt 360 Kräfte auf der Gehaltsliste stehen. Investitionen in Millionenhöhe stehen an.

Olin ist auch im CFK-Valley in Ottenbeck aktiv mit 30 Mitarbeitern und einem 200 Quadratmeter großen Labor.

Olin ist eng verzahnt mit der Dow und ihr größter Kunde. Der neue Nachbar nimmt Dampf, Strom, Chlor und Natronlauge ab, Salzsäure und Abwasser gehen an die Dow. Ausbildung, Feuerwehr und Sicherheitskräfte werden gemeinsam unterhalten. Tarife, Umwelt- und Sicherheitsstandards seien identisch, sagt Olin-Chef Holger Bär.

AOS. Die Aluminium Oxid Stade ist der ruhende Pol, während sich rundherum vieles verändert. Nach wie vor 550 Mitarbeiter produzieren aus rotem Bauxit aus dem afrikanischen Guinea Aluminiumoxid und -hydroxid. 2,5 Millionen Tonnen von dem roten Geröll werden pro Jahr importiert. 2015 kämpfte AOS noch mit stark gefallenen Weltmarktpreisen – durch Überproduktion in China. Das hat sich auf mäßigem Niveau stabilisiert, AOS muss trotzdem einen Sparkurs fahren. So wurde zum Beispiel die Kantine fremd vergeben.

AOS-Produkte gehen in die Aluminium-Produktion oder finden sich als Enthärter in Waschmitteln wieder. 200 Kunden gibt es weltweit.

Der Hafen. Ein weiterer stabiler Faktor im Industriegebiet. Im Seehafen Stade werden jährlich gut sechs Millionen Tonnen umgeschlagen, hauptsächlich für die Dow und die AOS. Der Industriehafen ist damit der drittgrößte in Niedersachsen, nach Wilhelmshaven und Brake an der Weser. Seit 2102 ist die Firma Buss im Nordwest-Hafen aktiv. 3,5 Hektar misst der kleine Erweiterungsbau. Hier ist noch Luft nach oben.

Derweil hofft der Hafen, dass die N-Ports, eine Tochter des Landes, in Stade die große Ausbaustufe für 24 Hektar und mit drei Liegeplätzen ausruft. Doch das kann dauern. Erst mal sind der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven, der Offshore-Stützpunkt Cuxhaven und die Seeschleuse in Emden dran.

Die Müllverbrennungsanlage. Keiner will sie, doch sie ist nur schwer zu verhindern. Offiziell heißt das Projekt „Ersatzbrennstoff-Kraftwerk“ (EBS). Das Gebäude ist zur Hälfte gebaut, steht als Ruine direkt an der Elbe. Die EBS Stade Besitz GmbH will die alten Pläne von Prokon Nord vollenden, in direkter Nachbarschaft zur AOS, ein Kraftwerk zu bauen, das ausschließlich Müll verbrennt und damit Strom gewinnt.

Der importierte Müll zum Beispiel aus Irland könnte über den Hafen kommen. In der Stadt gibt es eine breite Front gegen die Realisierung der Pläne. Ortsrat, Rat der Stadt und Verwaltung bekämpfen das Vorhaben, lassen sich von einem Fachanwaltsbüro beraten (Kosten 150 000 Euro) und wollen auch den Gang vors Gericht nicht scheuen, um die ungeliebte Müllverbrennungsanlage zu verhindern.

Die Argumente der Stadt: Die neu aufgelegten Pläne seien nicht eins mit den ursprünglichen, für die es die ersten Genehmigungen gab. Damals, 2008, war noch von einer Kraft-Wärme-Kopplung die Rede und der Idee, 50 Prozent des erzeugten Stroms im Industriegebiet zu verbrauchen. Davon ist heute keine Rede mehr.

Das Problem: Das Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg hat einen sofortigen Vollzug der erteilten Bau- und Betriebsgenehmigung in Aussicht gestellt.

Areva. Auf dem Gelände der Ex-Hydro baut Areva Windmühlen-Flügel mit einer Länge von 66 Metern. Die nächste Generation könnte 88 Meter lang werden. Zurzeit wird ein Auftrag für einen Park nahe Sassnitz gefertigt. Sie werden per Schiff vom Hafen Bützfleth gen Ostsee transportiert.

Global Castings. Auch auf dem Ex-Hydro-Gelände werden große gusseiserne Teile hergestellt für Windkraftanlagen. Dazu gehören stählerne Naben, Turbinen und die Gehäuse fürs Getriebe. Sie sind bis zu 45 Tonnen schwer, in Zukunft wohl bis zu 80 Tonnen. Die schweren Einzelteile werden auch über den Seeweg zu den Bestellern gebracht. Der Hafen profitiert davon.

Trinseo. Das wohl unauffälligste Unternehmen im Industriepark. Es hat von der Dow eine Anlage gekauft und die Polycarbonat-Produktion übernommen. Das Problem: Die Zeiten waren seitdem nicht gut für den Verkauf auf dem Weltmarkt. Laut eines Firmensprechers habe sich die Lage stabilisiert.

10.11.2016