Die Seeleute zieht es in die Oase

Die drei von der Oase (von links): Ehrenamtskraft Gisela Drafz, Leiterin Kerstin Schefe und Theresa Blech (Freiwilliges Soziales Jahr) zeigen Klamotten mit dem „Seamen’s Club“-Logo.


STADE. Die Quote kann sich sehen lassen: Jeder zweite Seemann, der im Hafen in Bützfleth anlandet, hat Kontakt zur Seemannsmission mit seinem Club „Oase“. In Zahlen ausgedrückt: Von den 12 000 Seeleuten pro Jahr nutzen 6000 die Angebote des Seemannsclubs.

Die 35-jährige Kerstin Schefe ist dafür seit November 2011 verantwortlich. Wie fühlt es sich an für eine junge Frau in der vermeintlich so rauen Seemannswelt?

Kerstin Schefe kennt die Frage, die sie mit einem Lächeln beantwortet: „Ich bin hier genau richtig.“ Schefe, die in Stade wohnt, ist Sozialpädagogin und Diakonin. In die Geheimnisse der Seefahrt und in die spezielle Sprache hat sie sich reingefuchst. „Abwechslungsreich und spannend“ sei die Arbeit. „Für meinen Berufszweig ist das hier eine Traumstelle“, sagt sie mit überzeugtem Ton in der Stimme.

5000 Seeleute aus aller Herren Länder begrüßt und betreut sie pro Jahr im Club. Ehrenamtskräfte, Mini-Jobber, eine junge Frau aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr und Hündin Nala helfen ihr dabei. 1000 Seeleute trifft sie während ihrer Bordbesuche. Jedes vierte der 800 Schiffe, das in Bützfleth angelegt hat, hat sie 2015 besucht.

Der Weg über die Gangway hat ihren besonderen Reiz. Schefe: „Du weißt nie, wer und was Dich an Bord erwartet.“

Ihre bisherigen Erfahrungen seien durchweg positiv. „Ich werde von den Seeleuten sehr zuvorkommend behandelt.“ Viele freuten sich, mal wieder mit einer Frau zu reden. Die Themen seien andere, eher emotional. Sorgen über das Leben an Bord oder Richtung Heimat bestimmen häufig die Gespräche.

Die Männer kommen vorwiegend von den Philippinen (60 Prozent), aber auch aus der Ukraine, Indien, China oder Russland. 220 deutsche Gäste registrierte die Oase 2015. 40 verschiedene Nationalitäten kommen so zusammen. Diese Zahlen präsentierte die Diakonin während der Sitzung des Kreissozialausschusses diese Woche.

Der Seemannsclub, der seit 1986 besteht und 1995 in seinen Neubau am Dow-Nordtor zog, ist für viele die erste Anlaufadresse beim Landgang. Telefonieren und das freie Internet sind die großen Bedürfnisse. Im kleinen Shop können sie sich von Duschgel bis zum Bier eindecken. Viele benötigen warme Kleidung. Ehrenamtliche stricken Socken, Schals oder Mützen für die Seeleute. Wärmende gebrauchte Klamotten sind heiß begehrt.

Basketball, Tischkicker und Billard stehen hoch im Kurs. Spontan werden Partys gefeiert: das chinesische Neujahrsfest, das Lichterfest oder einfach nur Grillen. Die Philippinos stehen auf Karaoke-Shows.

400 Mal fahren Schefe und Co. im Jahr mit dem Kleinbus ihre Gäste in die Stadt zum Einkaufen. Im Advent werden 500 Weihnachtspakete gepackt, damit die Seeleute das Fest an Bord feiern können.

Schefe kümmert sich auch um schwere Fälle, wenn ein Seemann in die Stader Klinik muss oder die Arbeitsverhältnisse an Bord unzumutbar sind. Dann schaltet sie schon mal Wasserschutz- und Bundespolizei ein.

Wichtig ist Schefe als einzige Hauptamtliche der Oase der Austausch mit den Kollegen der Kirchengemeinden. Gerade zu Bützfleth werden intensiv Kontakte gepflegt. Und sei es nur, damit die Seeleute eine Kerze in der Kirche anzünden können.

Die Deutsche Seemannsmission pflegt ein weltweites Netz mit Standorten an 34 Häfen auf vier Kontinenten. 700 Ehren- und hauptamtliche Kräfte sind beschäftigt.

Die Station in Bützfleth verfügt über einen Jahresetat von 150 000 Euro, finanziert über die Landeskirche, den Kirchenkreis, Zuschüsse von Landkreis und Stadt sowie Spenden und aus Einnahmen ihres Shops.

17.02.2016