Die Dow verkauft drei Anlagen in Stade an Olin

Olin-Chef Joe Rupp (Zweiter von links) lässt sich während seines Deutschland-Besuchs von Holger Bär die frisch gekauften Anlagen auf dem Dow-Gelände zeigen. Foto Dow


STADE. Die Dow hat drei ihrer 16 Produktionsanlagen in Stade an den US-Chemiekonzern Olin verkauft. Warum der Olin der Deal fünf Milliarden US-Dollar wert war und was sich die Dow davon verspricht, sagen zwei Spitzenmanager im TAGEBLATT-Gespräch.

Dieter Schnepel, Dow-Werksleiter in Stade, und Holger Bär, Business Manufacturing Director von Olin, geben sich entspannt im Gespräch über die Zeitenwende am Standort Stade. . Beide streichen die Vorteile heraus, die die neue Zusammenarbeit hervorbringe.

Für fünf Milliarden US-Dollar hat Olin drei Anlagen der Dow gekauft, mit deren Produkten sie den deutschen und europäischen Markt erobern will. Die Epoxidharzproduktion und die Herstellung chlorierter Lösungsmittel liegen seit dem 5. Oktober in den Händen von Olin. Die Lösungsmittel werden als Vorstufe für Kältemittel benötigt und für industrielle Reinigungen wie Entfettungen. Ein breites Anwendungsfeld haben die Epoxidharze. Sie werden verwendet beim Bau von Windflügeln oder anderen Leichtbau-Verbundwerkstoffen wie für den Flugzeugbau, oder für Autolacke oder für Leiterplatinen in der Elektroindustrie.

300 Mitarbeiter hat Olin übernommen – zu den gleichen Bedingungen wie bisher bei der Dow. Die Dow selbst zählt 1300 Angestellte. „Wir wollten keine Zwei-Klassen-Gesellschaft“, sagen Schnepel und Bär unisono. Obwohl Schnepel eingesteht, dass die Unruhe groß war, als bekannt wurde, dass Dow Teile seiner Produktion verkauft. Um ihre Rechte zu sichern, zog der Betriebsrat vors Arbeitsgericht, wo sich Unternehmen und Arbeitnehmervertreter auf einen Vergleich verständigt hatten. So habe es wegen des Eigentümerwechsels keine betriebsbedingten Entlassungen gegeben.

Bär unterstreicht, dass neben den Tarifen auch die Umwelt- und Sicherheitsstandards für beide Unternehmen am selben Standort die gleich hohe Bedeutung behalten soll. So werden zum Beispiel die Werksfeuerwehr oder der Sicherheitsdienst auf dem Gelände gemeinsam betrieben. Einen Zaun zwischen den beiden Firmen wird es nicht geben. Auch die Ausbildung soll gemeinsam betrieben werden. Zurzeit durchlaufen 125 junge Menschen ihre Lehre auf dem Gelände. Schnepel fasst zusammen: „Jedes Unternehmen verfolgt sein Gewinnstreben, aber wir wollen die Synergien weiter ausbauen.“ Das wird die Dow-Aktionäre freuen, die sind auch Teilhaber bei Olin. Olin hat einen Jahresumsatz von sieben Milliarden, die Dow von 50 Milliarden Dollar.

Olin ist jetzt der größte Kunde der Stader Dow. Das Unternehmen nimmt Chlor und Natronlauge der Dow ebenso ab wie Strom und Dampf. Der bisher bestehende Produktionskreislauf wird nicht angefasst. Nicht benötigte Salzsäure zum Beispiel geht zurück von Olin an die Dow. Schnepel: „Wir sind vielfältig vernetzt.“ Bär ergänzt: „Wir versuchen auf dem Gelände, möglichst jedes Molekül zu nutzen.“

Für den Dow-Chef ist der Verkauf eine Bereinigung des Portfolios. Bei der strategischen Partnerschaft, in der beide für ihre Bereiche auf Wachstum setzen, konzentriert sich die Dow in Stade auf den Chlor-Akali-Bereich. Dow ist europaweit der größte Hersteller dieser Produkte, die übrigens alle eines gleich haben: Sie entstehen aus dem Salz, das aus den Kavernen in Harsefeld-Ohrensen zum Werk an die Elbe gespült wird. Schnepel selbst wurde zum weltweiten Technologie-Leiter in Sachen Chlor-Akali für die Dow ernannt.

Olin plant für seine Stader Produktionsanlagen im kommenden Jahr eine millionenschwere Investition. Die Kapazität soll um die Hälfte gesteigert werden. Pro Jahr werden in Stade-Bützfleth 120 000 Tonnen Epoxidharz hergestellt. Sie finden sich nach Veredelung in mehr als 2000 Produkten wieder. Aktiv werden will Olin auch im CfK-Valley. Das Büro dort soll auf 30 Mitarbeiter aufgestockt werden.

Bei aller Zufriedenheit zur neuen Konstellation verbindet beide Betriebe die Sorge um eine „zuverlässige und wettbewerbsfähige Energieversorgung“, wie es Dieter Schnepel bezeichnet. Er verweist darauf, dass die Dow in Stade 400 Millionen US-Dollar in die Energieversorgung investiert hat. Ein Bekenntnis zum Standort. Derzeit erarbeiteten Olin und Dow ein Energiekonzept. Energie sparen und selber erzeugen sind die beiden großen Themen. Ob mit Olin ein weiterer möglicher Betreiber des großen Kohle-Gas-Kraftwerkes gefunden ist, das die Dow seit Jahren plant, sagen die Manager nicht. Nur so viel: „Energiekosten sind ein ganz großes Thema für uns.“

20.10.2015