TAGEBLATT on Tour

24.10.2014

Autor: Karsten von Borstel



Windpark polarisiert die Bützflether

Der Ausblick vom Landernweg: Ende 2015 könnten sich drei weitere Windräder zu den bereits bestehenden in Bützflethermoor gesellen.


BüTZFLETH. Einen Tag lang nahm sich das Team des TAGEBLATTS Zeit, um sich der Probleme und Sorgen der Bützflether anzunehmen. Bereits nach wenigen Minuten am Stand vor Edeka Wiesner jedoch war der thematische Brennpunkt ausgemacht: Die Windparkerweiterung in Bützflethermoor. Kein Thema polarisiert die Bützflether derzeit mehr als das Projekt des Betreibers Energiekontor. Der größte Widersacher ist die Interessengemeinschaft (IG) Flethstraße.

100 Unterschriften gegen das Projekt der Windparkerweiterung sammelte Hans-Dieter Braun, Sprecher der IG Flethstraße, auf eigene Faust an nur einem Wochenende in Bützfleth. Das Ziel: Die Erweiterung um drei Windräder mit einer Höhe von jeweils 186 Metern doch noch zu kippen. Die 100 Gegensprecher reichen Braun aber noch lange nicht. Er sammelt eifrig weiter – genau wie die anderen Mitglieder der IG.

Wenn wir fleißig sind, können wir locker 500 bis 1000 Unterschriften in der Bevölkerung sammeln“, sagt auch Sprecherin Hilke Ehlers zuversichtlich. Die Bürgerinitiative wolle in den kommenden Wochen intensive Gespräche mit den Fraktionen des Bützflether Ortsrates und des Stader Stadtrates führen, um sie über die Bedenken der Bürger ins Bild zu setzen – und um die politischen Akteure schließlich doch noch umzustimmen.

Ehlers stellt in erster Linie den Zustand der Straßen infrage, die zur Anlieferung des schweren Geräts und des Materials genutzt werden sollen. Nach derzeitigem Planungsstand will das Bremer Unternehmen Energiekontor den Transport über die B 495 vornehmen. Über Wolfsbruchermoor soll es über die Moorstraßen nach Süden weitergehen. In Bützflethermoor soll dann die Zufahrt über den Landernweg erfolgen.

Unweit südlich der neuen Planungsflächen errichtete die dänische Firma NEG Micon vor zwölf Jahren bereits fünf kleinere, knapp 100 Meter hohe Windkrafträder. Der Transport erfolgte 2002 durch das Ortszentrum über den Obstmarschenweg und die Flethstraße. Beschädigungen an Straßen und Häusern lösten damals große Proteste bei den Anwohnern aus. Noch heute seien viele Betroffene entsetzt über ausgebliebene Wiedergutmachung seitens der Verantwortlichen, erklärt Hilke Ehlers. Allen voran die Geschädigten von 2002 führen heute den Protest gegen das neuerliche Bauvorhaben an.

Die Befürchtung der Protestler: Energiekontor könnte entgegen allen Planungen erneut über den Obstmarschenweg fahren und müsste dann die engen Kurven und die ohnehin abgenutzten Straßen im Ort passieren. Sie wittert „Trickserei“ des Betreibers bei der logistischen Planung. Der leitende Ingenieur Steffen Föllner indessen betonte, Energiekontor sei sich der logistischen Herausforderung und der brisanten Vorgeschichte bewusst und werde ein möglichst verträgliches Erschließungskonzept vorlegen.

Die Windparkerweiterung scheint trotz allen Planungsfortschritts seitens des Betreibers und der Verwaltung nicht in trockenen Tüchern zu sein. Eine Problematik, die bislang weniger Beachtung fand, ist die ökologische Bedeutung der ins Visier genommenen Flächen – vor allem für Rastvögel. Das Bremer Unternehmen erarbeite in Abstimmung mit der Naturschutzbehörde im Moment ein Ausgleichskonzept für die betroffenen Gebiete.

Die IG Flethstraße prangert zudem den Umgang mit der Problematik des Infraschalls an. Der Schall entsteht bei Betrieb der Windenergieanlagen auf tiefen, für Menschen nicht wahrnehmbaren Frequenzen. Er stehe unter Verdacht, zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu führen, sagte IG-Mitglied Klaus-Johannes Hartlef auf einer öffentlichen Ortsratssitzung im Dorfgemeinschaftshaus vor knapp zwei Wochen.

Markus Tetens, Gutachter für Schall- und Schattenimmission, erwiderte, dass bei Einhaltung der vorgeschriebenen Mindestabstände – 600 Meter zu Einzelgehöften sowie 800 Meter zu Siedlungen – aus wissenschaftlicher Sicht keine derartige Schädigung zu erwarten sei. Die gesetzlichen Mindestabstände würden nach dem neuesten Betreiberkonzept deutlich unterschritten (siehe Karte unten).

Das Energiekontor räumt ein, dass die Deutsche Flugsicherung (DFS) – wie meistens bei diesen Windradhöhen – Einwände erhoben hat. Die Luftraumüberwachung könnte durch die Installationen gegebenenfalls beeinträchtigt werden. Die Investoren verweisen in diesem Zusammenhang auf Gerichtsverfahren, deren Ergebnisse noch im November erwartet werden.

Ein Bestandteil der öffentlichen Debatte sind momentan auch die Landwirte, die ihr Land an den potenziellen Windparkbetreiber verpachten könnten. Ortsbürgermeister Sönke Hartlef findet es unfair, dass diese sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssten. Er sehe hinter der Verpachtung legitime finanzielle Interessen der Landwirte einerseits und eine Wertschöpfung für die gesamte Region andererseits.

Trotz allen Widerstands scheint der Konsens im Ortsrat ungebrochen zu sein. Die Fraktionen stünden zu ihrem positiven Votum vom Februar dieses Jahres, betont Hartlef. Ortsratsmitglied Dr. Jochen Witt bestätigt das und sieht vielmehr im geplanten DOW-Kohlekraftwerk die ökologische Härteprüfung für die Region.

Hartlef betont: „In der Kommunalpolitik gibt es auch mal Situationen, in denen man es nicht jedem Recht machen kann.” Die Politik habe in den letzten Wochen auch viel Zustimmung aus der Bevölkerung erfahren. Der Ortsbürgermeister signalisierte weiterhin Gesprächsbereitschaft gegenüber der IG Flethstraße und allen anderen Skeptikern.

Zur Vorgeschichte
Die Planung des Betreibers und der Gremien

Im Februar 2010 kündigte der Betreiber Energiekontor an, dem bestehenden Windpark drei neue Windräder hinzufügen zu wollen. In einer Ortsratssitzung vom August 2010, noch unter Leitung des ehemaligen Ortsbürgermeisters Wolfgang Rust, wurde einstimmig beschlossen, das Vorhaben durchzuwinken.
Ins Visier genommen wurde das aktuelle Baufeld in Bützflethermoor nahe der Autobahntrasse. Widerstand sei 2010, unter dem Vorzeichen der Atom-Katastrophe von Fukushima, nach Angaben des heutigen Ortsbürgermeisters Sönke Hartlef kaum spürbar gewesen.
Neueres Interesse am Vorhaben regte sich erst Mitte 2013, als der Betreiber ankündigte, anstelle der geplanten 150 Meter hohen Windräder doch 186 Meter hohe Anlagen errichten zu wollen. Der Grund: Die Wirtschaftlichkeit sei bei 150 Metern Gesamthöhe nach der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) nicht mehr gegeben.
Anfang dieses Jahres wurden die derzeitigen Pläne dem Ortsrat vorgestellt. Der Aufstellungsbeschluss passierte anschließend die Fachausschüsse der Stadt. Deutlicher Protest der Anwohner flammte im Oktober auf: Nach einer öffentlichen Ortsratssitzung mit Beteiligung des Betreibers und einer Info-Veranstaltung der IG Flethstraße.