Über das harte Leben auf See

Eindrucksvolles Theater – mit einfachen Mitteln inszeniert : Arbeitskleidung und ein langes Seil waren die einzigen Requisiten. Beneke


STADE. Der Bützflether Industriehafen verwandelte sich am Dienstagabend in eine Theaterbühne. Das Schiffdorfer Ensemble „Das letzte Kleinod“ gastierte mit seinem Stück „Um uns herum nur nichts“ auf dem Buss-Terminal. Mit Blick auf die Hafenkräne und auf der Elbe vorbeiziehende Containerriesen präsentierten die fünf Darsteller ein Dokumentartheater über den harten Arbeitsalltag auf hoher See. Den 150 Zuschauern werden die eindringlichen Szenen noch lange im Gedächtnis bleiben.

Das Bühnenbild ist so einfach wie eindrucksvoll: Die Darsteller Christos Anastasopoulos, Barry Emond, Andreas Heinrich und Dan-Thy Nguyen haben nur sich, ihre Arbeitskleidung und ein mehrere Meter langes Seil, dessen Einsatz sich wie ein roter Pfaden durch das gesamte Stück zieht. Sie nehmen das Publikum mit auf eine Reise über die Weltmeere – doch so romantisch wie auf mancher Urlaubskreuzfahrt geht es bei den Arbeitern auf einem Containerschiff nicht zu.

Schonungslos zeigt Regisseur Jens-Erwin Siemssen, der für sein sozialkritisches Stück monatelang akribisch recherchiert hat, den Alltag auf hoher See. Dazu gehören Übungen im Rettungsboot ebenso wie quälend lange Aufenthalte in fremden Häfen – und kaum eine Möglichkeit, in die nächstgelegene Stadt zu fahren. Die Ladung löschen sie mittlerweile rund um die Uhr, beim Verlassen des Hafens müssen sie stundenlange Sicherheits-Checks über sich ergehen lassen. Und Taxi-Fahrten von den weit außerhalb liegenden Häfen ins Stadtzentrum sind teuer.

Wenn wir auf See sind, dann ist um uns herum nur nichts – die große Leere“, sagt der Kapitän. Für seine Mannschaft werde dieser Zustand zur Routine und bleibe dennoch schwer zu ertragen. „Immer diese Einsamkeit“, entfährt es einem Matrose. Fast acht Monate am Stück ist er auf den Weltmeeren unterwegs, den Kontakt zur Familie hält er über das Internet. „Aber meine Probleme behalte ich für mich.“ Wenn er nach Hause kommt, sehen seine Kinder in ihm einen Fremden. „Sie erkennen ihren eigenen Vater nicht mehr“, sagt er traurig.

Dem Koch ergeht es nicht viel besser. Seine Kollegen zufrieden zu stellen, erscheint nahezu unmöglich – denn jeder an Bord hat einen anderen Geschmack. Wenn es schlechte Laune gibt, muss er häufig als Sündenbock herhalten. Und gefährlich ist sein Job obendrein: Bei starkem Seegang schwappte das Öl aus der Pfanne, verbrannte ihm den Nacken. „Meine Haut hat Blasen geschlagen. Ich habe einfach weitergearbeitet. Hätte ich nicht weitergemacht, hätten die Jungs nichts zu essen bekommen.“

Sind die Seefahrer mit ihrem Schiff im arabischen Raum unterwegs, müssen sie sich nach an den lokalen Gepflogenheiten richten. Christliche Symbole sind verpönt, sogar die Bibel in ihrer Kajüte müssen sie verstecken. In Saudi-Arabien bekommen sie grundsätzlich keine Visa, dürfen nicht an Land. „Da steht immer ein Soldat auf der Gangway“, erzählt der Erste Offizier.

Das Ensemble verlangte seinem Publikum einiges ab: Die Szenen folgten in schnellem Tempo aufeinander; mancher Dialog war nur schwer verständlich, da die Darsteller auf Mikrofone verzichteten. Die Aufführung machte nachdenklich und sorgte für reichlich Gesprächsstoff unter den Zuschauern.

17.07.2014