Kaiser erobert die Stader Festung

Exerzieren gehörte zum preußisch-militärischen Drill, der hier während der Festungstage Grauerort nachgestellt wird. Fotos Kordländer



VON Hans-Lothar Kordländer
Grauerort. Seinen Bart zwirbelt Jörg Springhart beständig. Ob privat als Stahl- und Betonbauer oder in der Verkleidung als Kaiser Wilhelm II. Bei den Festungstagen war der 37-jährige Mönchengladbacher einer von 80 Teilnehmern bei dem historischen Militärcamp der Reservistengemeinschaft in der Festung Grauerort. In herausgeputzter Uniform mit vielen Orden und Marschallstab agierte Majestät als Oberbefehlshaber. VON Hans-Lothar Kordländer

Schwermalocher“ Jörg Springhart (37) springt in eine ganz andere Rolle, wenn er seine schnieke Uniform des 1. Garderegiments anzieht. Damit wird er aber nicht zum harten Militaristen, sondern zu einem preußisch-zackigen Offizier. Mit Pickelhaube und allem Schnickschnack drumherum. „Vieles habe ich selbst gemacht.“ Von der Stange würde es solch eine Uniformausstattung nicht zu kaufen geben. Zudem werde das dann alles viel zu teuer.
Die Jacke hängt voller Orden. Einige hat sich der Betonbauer nach echten Vorlagen gefertigt, andere selbst ausgedacht. „Majestät darf sich schließlich selbst Orden verleihen“, meinte er schmunzelnd. Und seinen Marschallstab habe er sich aus Holz drechseln lassen und anschließend mit goldenen Königskronen und anderen kaiserlichen Insignien beklebt. Springhart, der die Uniform des 1. westfälischen Feld- Artillerie-Regiments Nr. 7 trägt, ist auch Mitglied in dem Verein „Der Kaiser kommt e.V.“.
Auf einer feuchtfröhlichen Party sei er dazu gekommen, in Kaisers Kleider zu schlüpfen, erläutert Springhart in den Gewölben in Grauerort. Manchmal setzte Alkohol eben die Sinne außer Kraft, meinte er schmunzelnd. Doch irgendwie habe er dann doch Spaß an seiner neuen Rolle gefunden. Manchmal würde auch seine Frau Elena ihn zu Events begleiten. „Doch an diesem Wochenende hütet sie zu Hause unseren Kronprinzen und die kleine Kronprinzessin.“
Grauerort besuchte Springhart zum ersten Mal. „Ist ganz toll hier“, meinte er. Natürlich wurde für ihn kein Kaisersaal hergerichtet, sondern er schlief bei seiner Truppe in den Kasematten.
An dem Treffen in Grauerort nahm auch Kaiser Wilhelm I aus Bad Bevensen teil. Das ist der Großvater von Wilhelm dem II. Grauerort bot also ein kaiserliches Vergnügen.
Allerdings nicht bei kaiserlichem Wetter. Denn der Himmel war während der Festungstage trüb, es regnete viel. Das konnte die Teilnehmer aber nicht abschrecken. Auch die Böllerschüsse aus großen Kanonen und wuchtigen Pistolen vertrieben die Regenwolken nicht.
Ein ungewöhnliches Treffen gab es auf dem Exerzierplatz in einem Zelt. Hier kamen „Soldaten“ aus Irland, Frankreich und Deutschland zu einem gemütlichen Plausch zusammen.
„Die Festungstage in Grauerort sollen im nächsten Jahr größer als bisher aufgezogen werden“, teilte diensthabender Offizier Klaus Tieten mit, der die Festungstage mit Feldwebel Rainer Poppe organisierte. Denn im nächsten Jahr würde das zehnte Treffen, also ein Jubiläum stattfinden. Das sei ein Grund zum Feiern.
Mode und Uniformen des 19. Jahrhunderts sowie der militärische und zivile Alltag um 1880 wurden bei den Festungstagen am Wochenende in Grauerort dargestellt. Rekruten exerzierten nach preußischem Drill. Damen zeigten sich in ihren besten Kleidern. Ein paar Zuschauer mehr hätten sich die Veranstalter schon gewünscht.

27.05.2013