Steampunk-Lolita und Endzeit-Mann

Marita (links) und Shyreen Sennert sowie Torsten Borgward präsentieren sich in buntem Chic.



GRAUERORT. Claire-Victoria und Carius-Florenc Nicoletta aus Freiburg im Breisgau haben sich Messerhände und eine Unterarm-Armbrust an die Finger gebaut. Die „Steampunk-Lolita“ und der „Endzeit-Mann“ wirken gefährlich. „Damit verletzen wir weder uns selbst noch andere“, betonte das Ehepaar. Beide kostümieren sich gerne ungewöhnlich. Und damit befanden sie sich am Wochenende beim zweiten europaweiten „Kulturfestival Aethercircus“ der Steampunker in guter Gesellschaft.

Die Teilnehmer, die sich diesmal in der Festung Grauerort trafen, hatten sich alle verkleidet. Einige Herren elegant mit Zylinder und Gehrock, andere auffällig mit Atemschutzgerät und anderen Accessoires, die Damen in schicken Kleidern und mit technischem Schnickschnack verzierten Hüten. Die zivilen Besucher trafen auf eine ungewöhnliche Welt. „Mehr als 50 Steampunker aus dem In- und Ausland sind dabei“, sagte Organisatorin Birgit Deutschmann. Im vergangenen Jahr fand das Festival erstmals im alten Stader Rathaus statt.

Bei diesem Treffen kommt man mit netten Leuten zusammen, die das gleiche Hobby und die gleiche Leidenschaft haben“, unterstreicht das Ehepaar Nicoletta. Das Festival mache viel Spaß. In der Tat boten die schrägen Typen in ihren ebenso schrägen Kostümen ein abwechslungsreiches Bild.

Nicolar von Krähenfeld aus Krefeld war bei seiner Kostümierung einmal als Luftschiffkapitän angefangen. Inzwischen hat auch er seine Fingernägel mit Messern verlängert. „Jetzt kontrolliert er die Karten im Luftschiff“, meinten schmunzeld seine Kollegen Andrew von Holten am See aus Wyke und Remington Braas aus Duisburg. Mit den Messern könne er die Fahrkarten gut lochen. Übrigens nennen viele Teilnehmer in Grauerort nur ihren punkigen Künstlernamen. Es waren auch einige auffällig Kostümierte dabei, die sich, aus welchen Gründen auch immer“ nicht fotografieren lassen wollten.

Wikipedia beschreibt Steampunk als ein Phänomen, das als literarische Strömung in den 1980-er Jahren begann und das sich bis jetzt zu einem Kunstgenre, einer kulturellen Bewegung, einem Stil und einer Subkultur ausgeweitet hat. Dabei werden einerseits moderne und futuristische technische Funktionen mit Mitteln und Materialien des viktorianischen Zeitalters verknüpft, wodurch ein deutlicher Retro-Look der Technik entsteht. Andererseits wird das viktorianische Zeitalter bezüglich der Mode und Kultur idealisiert wiedergegeben.

Elemente des Steampunks sind dampfbetriebene Mechanik und Abenteuerromantik. So ließ Toni Reintelseder als Ars Vapori eine Ratte aus Metall mit Dampfkraft über den Innenhof der Festung Grauerort laufen. Wenn er Spiritus in den Tank nachgoss, spukte das Ungetüm sogar Feuer. Reitelseder hat unter anderem auch die Dampfmaschine Steamspider Amanda und den Dampfdrachen Skaldulf gebaut.

Marita und Shyreen Sennert sowie Thorsten Borgward präsentierten Phantasie aus der Gründerzeit. Dabei haben sie Teil von alten Uhren (Zeiger und Zahnräder) verwendet. Die Illustratorinnen und Autorinnen Tanja Meurer und Juliane Seidel aus Wiesbaden gaben einen Einblick in ihre Bilderwelt, die sie unter anderem mit Bleistiften hergestellt haben. Je nach Mal-Stimmung brauchen sie nach eigenen Worten für ein Bild zwischen eine halbe Stunde und einen ganzen Tag. „Das hängt von der Tagesform ab“, erzählten sie.

Viktoria vom Waldesrand aus Itzehoe spielte die Lifestyle-Lady schlechthin. Ihren Hut hatte sie mit Opernglas und einer Haarspange geschmückt. Im Sonnenlicht drehte sie ihren Schirm. „Mein Mann baut Lampen aus alten Telefonen, dadurch bin ich in die Steampunk-Szene gekommen“, sagte sie. Über den Festplatz flanierten Evie Expaschina, Organisatorin Birgit Deutschmann, die Sängerin Ju Hornisch sowie Silke Ohlendorf. Sie genossen das schöne Wetter und führten schicke Kleidung über den Platz. Neben den Kostümen wurde auch Musik geboten.

06.05.2013