Mittwochsjournal

Dokumentierte Schicksale auf engstem Raum: Blick in das Sterberegister in einem der Bützflether Kirchenbücher.

Den Moorleuten auf der Spur


Christine Seemann schreibt ein Buch über das Bützflether Moor - Auch einen aktenkundigen Mord hat es gegeben

Von Dietrich Alsdorf
Bützfleth. Wenn Christine Seemann in irgendeinem Kirchenbüro einen der in Leder gebundenen Folianten aufschlägt, erschließt sich für die Neu-Bützfletherin eine längst vergangene Welt. Geburts- und Sterbedaten in den Registern erzählen vom entbehrungsreichen Leben der bäuerlichen Gemeinschaften, von längst vergessenen Schicksalen, von guten und bösen Zeiten. Vorausgesetzt, man versteht es, zwischen den handschriftlichen Zeilen zu lesen. Wie Christine Seemann. Sie arbeitet an einem Buch über das Bützflether Moor.

Das Leben in den Dörfern entlang des Kehdinger Moores war geprägt vom Kampf gegen die Unbilden der Natur. Über Generationen hinweg rangen die Bewohner in harter Arbeit dem Moor Acker- und Weideflächen ab, stemmten sich gemeinsam gegen die Überflutungen, die das flache Land alljährlich heimsuchte. Das kollektiv erlebte Schicksal ließ die Menschen enger zusammenrücken. Man hielt zusammen im Moor. Was sich in den Kirchenbüchern heute noch nachlesen lässt. "Über Generationen haben viele Bewohner des Kehdinger Moores untereinander geheiratet."
"In den Chroniken findet man nur wenig zum Leben der Moorbauern", erzählt die Familienforscherin. "Meine Arbeit soll helfen, diese Lücke zu schließen." Zum einen soll ein Ortsfamilienbuch mit allen Familien entstehen, die im Zeitraum von 1650 bis 1900 am Bützflether Moor gelebt haben. Außerdem soll die Geschichte der einzelnen Höfe und deren Besitzerfolgen dargestellt werden.
Gab es Höfe, die besonders häufig miteinander verwandt waren? Wie haben sich die Anzahl und die Größe der Höfe entwickelt? Wann tauchten die Familiennamen der heutigen Besitzer auf? Aber auch die Geschichten, die sich auf und über die Höfe erzählt wurden, sollen nicht zu kurz kommen.
Wie viele, die sich mit Familienforschung beschäftigen, begann auch Christine Seemann zunächst mit ihren eigenen Vorfahren. "Nach dem Tod meiner Großmutter musste 1983 deren Wohnung aufgelöst werden. Dabei kamen mir alte Urkunden, einige Fotos und eine Ahnentafel in die Hände." Das war der Beginn der Erforschung der eigenen Wurzeln.
Dabei entdeckte sie, dass in ihren Adern auch das Blut Bützflether Vorfahren fließt. "Die Vorfahren meiner Großmutter väterlicherseits stammten ursprünglich aus dem Kehdinger Land, viele aus Bützfleth und vom Bützflether Moor. Die Familie Jens hatte bis Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Hof im nördlichen Teil des Bützflether Moores. Die Nachfahren der von Borstels lebten noch bis ins 20. Jahrhundert auf ihrem Hof im südlichen Teil. Viele verließen aber auch das Moor, so auch meine direkten Vorfahren."
Christine Seemann zog vor anderthalb Jahren von Hamburg in die Heimat ihrer Vorfahren. In ihrer spärlichen Freizeit ist sie in den Archiven und Kirchenbüros der Umgebung anzutreffen, um den Familien der Moorbewohner nachzuspüren. Eine Arbeit, die unabhängig von dem geplanten Ortsfamilienbuch bereits Früchte trug. Der Stader Autor Dietrich Alsdorf konnte für seinen historischen Roman "Abels Blut" bereits auf Daten ihrer Forschungen zurückgreifen. Christine Seemanns erster Aufsatz erschien im vergangenen Jahr im Harsefelder Jahrbuch "Geschichte und Gegenwart", wo sie akribisch einen historischen Mordfall bei Zeven rekonstruierte. Der - wie sollte es bei einer Familienforscherin anders sein - natürlich eine Beziehungstat war. "Mord unter Freunden" heißt daher auch der Beitrag, für den sich die Forscherin durch eine dickleibige Gerichtsakte wühlte.
Einen aktenkundigen Mord hat es auch im einsamen Bützflether Moor gegeben. 1805 wurde die Witwe Gesche Spreckels brutal ermordet und ausgeraubt. Der Mörder erbeutete etwa acht Taler, ein verhältnismäßig kleiner Geldbetrag. Aufgeklärt wurde der Fall nie.
"Neben dem Sammeln der reinen Lebensdaten habe ich mich auch immer für das Umfeld interessiert. Wie war die Geschichte eines Dorfes oder einer Stadt? Vieles dazu kann man in Orts- und Dorfchroniken nachlesen. Für das Buch werte ich auch Adressbücher, Meldelisten, Steuerlisten, Katasterakten und weiteres Material aus. Auch das Internet bietet zunehmend mehr Recherchemöglichkeiten und Kontakte zu anderen Forschern. In Staats- und Stadtarchiven finden sich mit Glück Testamente, Hypothekenunterlagen oder auch Gutsakten. Diese sind von Interesse, wenn Vorfahren sogenannte Meier waren. Meier erhielten in der Regel von adeligen Gutsbesitzern Höfe gegen Geld- und Naturalleistungen in Pacht. So kommt ein Puzzleteilchen zum anderen."
Über Fotos, Unterlagen und Geschichten von den heutigen Besitzern von Höfen und Häusern würde sich die Familienforscherin sehr freuen.

Kontakt: 0 41 46/ 95 97 13, E-Mail: Familienforschung-Seemann@gmx.de
"In den Chroniken findet man nur wenig zum Leben der Moorbauern. Meine Arbeit soll helfen, diese Lücke zu schließen."

27.07.2011