Erklärte in Bützfleth die Rolle des Imams: Ali Özgür Özdil. Foto Kock



Imame: Die Mädchen für alles


Vorbeter und Vorbilder der islamischen Gemeinden in Deutschland mit vielfältigen Anforderungen

STADE-BÜTZFLETH. Rege Resonanz verzeichnete die St.-Nicolai-Kirchengemeinde in Bützfleth am Mittwoch zum Thema: "Arbeitsplatz Moschee: Was macht eigentlich ein Imam?" Pastorin Heike Kehlenbeck und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt konnten dazu auch Besucher aus Stade und Umgebung begrüßen. Als Gast gab Ali Özgür Özdil aus Hamburg ausführlich Auskunft.
Imame sind, so der seit 1977 in Hamburg lebende islamische Theologe und Religionspädagoge, als Vorbeter, Lehrer und Seelsorger der islamischen Gemeinden quasi "Mädchen für alles". Sie seien religiöse Vorbilder, Leiter und Führer, die aber nicht zwangsläufig auch eine theologische Ausbildung haben müssten.
In den rund 2500 Moscheen in Deutschland gebe es rund 700 Moscheen, in die die türkische Religionsbehörde Imame entsende. Für je vier Jahre seien diese dann in Deutschland zu Gast - ohne deutsche Zukunftsperspektive, oft auch ohne deutsche Sprachkenntnis. Ihre Arbeitsverträge würden mit den jeweiligen Vorständen der zivilrechtlich organisierten islamischen Gemeinden vor Ort geschlossen.
Auf ihre Aufgabe in der Fremde seien diese Imame meist nicht richtig vorbereitet, meinte Özdil. Dabei seien sie mit mancherlei Fragen konfrontiert, in denen sie sich gar nicht auskennen könnten. Vor diesem Hintergrund wertete er es als sinnvoll, dass ab 2012 auch in Deutschland Imame ausgebildet würden. Das sei dann an sechs Hochschulen, unter ihnen in Niedersachsen die Universität Osnabrück, der Fall.
Moscheevereine seien in Deutschland zu regionalen Dachverbänden zusammengeschlossen. Der bekannteste darunter ist der der türkischen Muslime, DITIB, der auch der Deutschen Islamkonferenz angehört.
Imame können den Koran in Arabisch auswendig, beherrschen die vorgegebenen Riten des Gebets und sorgen für die Ausdeutung der islamischen Glaubenslehre. Sie sind, so Özdil, traditionell, aber nicht fundamentalistisch geprägt.
Der Referent beklagte, dass Muslime in Deutschland vielfach über einen Kamm geschoren würden. Zunächst seien sie nur als Gastarbeiter, dann als Ausländer und danach als Türken wahrgenommen worden. Heute würden allesamt als Muslime angesehen - unabhängig davon, ob das auch stimme. Deutsche hätten häufig eben ein schiefes Bild sowohl von Türken als auch von Muslimen.
Die rege Diskussion nach dem Vortrag rankte sich unter anderem um die Rolle von Frauen im Islam, Koranschulen und den Koran selbst mit seinen 14 Suren und rund 6000 Versen. Dabei zeigte sich: Der Informationsbedarf ist noch längst nicht gestillt. (coq)

01.04.2011